Hopfen

Hopfen – mehr als Bier: Von der Heilpflanze zur Kunst des Loslassens

Was die grünen Zapfen mit Schlaf, Ruhe, WellAging und „Demut in der Tiefe“ zu tun haben

Ich wollte eigentlich nur durch den Garten gehen.

Und dann habe ich sie entdeckt: diese wunderschönen, grünen, kleinen Zapfen, die sich zwischen dem üppigen Hopfen verstecken.

Hopfen.

Für die meisten Menschen gehört er vermutlich erst einmal in die Kategorie Bier. Und tatsächlich ist der Hopfen eine der wichtigsten Pflanzen des Bierbrauens.

Aber der Hopfen kann noch etwas anderes.

Seit Jahrhunderten wird er auch als Heilpflanze verwendet – vor allem dort, wo es um Ruhe, Entspannung und Schlaf geht. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) erkennt die traditionelle Anwendung von Hopfenzapfen zur Linderung leichter Stresssymptome und zur Unterstützung des Schlafs an. Dabei handelt es sich ausdrücklich um eine traditionelle Anwendung, nicht um eine wissenschaftlich umfassend belegte Wirksamkeit.

Und je länger ich mich mit dieser Pflanze beschäftigt habe, desto mehr hatte ich das Gefühl: Vielleicht ist Hopfen sogar eine Pflanze, über die man nicht nur etwas lernen, sondern auch etwas nachdenken kann.

Denn mein alter Heilpraktiker-Lehrer sagte einmal einen Satz, den ich nie vergessen habe:

„Hopfen schenkt Demut in der Tiefe.“

Damals habe ich ihn einfach hingenommen.

Heute verstehe ich ihn vielleicht ein kleines bisschen besser.

Eine Pflanze mit zwei Geschlechtern

Zunächst einmal etwas Botanik.

Der Echte Hopfen heißt botanisch Humulus lupulus und gehört zur Familie der Hanfgewächse, den Cannabaceae. Er ist eine ausdauernde, krautige Kletterpflanze und in weiten Teilen Europas heimisch.

Und jetzt kommt etwas, das viele gar nicht wissen:

Hopfen ist zweihäusig.

Das bedeutet: Es gibt männliche und weibliche Pflanzen.

Die bekannten Hopfenzapfen, die wir im Spätsommer und Herbst sammeln können, entstehen ausschließlich an den weiblichen Pflanzen. Botanisch handelt es sich dabei um die weiblichen Blütenstände. Auch die europäische Arzneimittelkunde verwendet für Hopfen ausschließlich diese weiblichen Blütenstände beziehungsweise Zapfen.

Die männlichen Pflanzen bilden dagegen keine Zapfen. Ihre Blüten sitzen in lockeren, rispenartigen Blütenständen.

Wenn du also in deinem Garten diese typischen grünen Zapfen gefunden hast, kannst du ziemlich sicher sein: Du hast eine weibliche Hopfenpflanze entdeckt.

Und vielleicht ist gerade das ein schönes Detail für die Beobachtung:

Die Pflanze, die wir als Heilpflanze nutzen, ist die weibliche.


Was steckt eigentlich im Hopfenzapfen?

Wenn man einen reifen Hopfenzapfen vorsichtig öffnet, findet man kleine gelbliche Drüsenschuppen. Dieses gelbe, klebrige Pulver wird als Lupulin bezeichnet.

Darin sitzen unter anderem die für den Hopfen charakteristischen Bitterstoffe und aromatischen Inhaltsstoffe.

Zu den wichtigen Stoffgruppen gehören die Hopfen-Bitterstoffe Humulon und Lupulon sowie verschiedene ätherische Ölbestandteile.

Und genau diese Kombination macht den Hopfen pharmakologisch und auch kulinarisch interessant.

Sein Geschmack ist allerdings eindeutig:

bitter.

Sehr bitter.

Vielleicht ist das kein Zufall, denn auch die traditionelle Anwendung des Hopfens führt uns eher in eine stille als in eine aufputschende Richtung.

Hopfen und die Kunst des Runterfahrens

Es gibt Zeiten im Leben, da ist unser Problem nicht, dass wir zu wenig Energie haben.

Unser Problem ist, dass wir nicht mehr abschalten können.

Der Kopf arbeitet weiter.

Wir denken über morgen nach, während wir noch mit heute beschäftigt sind.

Wir gehen müde ins Bett und nehmen den ganzen Tag mit.

Gerade für Frauen in der Lebensmitte kann das eine bekannte Erfahrung sein: Viel Verantwortung, Veränderungen, hormonelle Umstellungen, beruflicher Druck, Familie, Sorgen – und irgendwann merkt man, dass die innere Ruhe nicht mehr selbstverständlich kommt.

Hier wird Hopfen interessant.

Die traditionelle europäische Pflanzenheilkunde verwendet Hopfenzapfen vor allem bei leichter innerer Anspannung und zur Unterstützung des Schlafs. Die EMA nennt als traditionelle Anwendung ausdrücklich die Linderung leichter mentaler Stresssymptome und die Unterstützung des Schlafs.

Das bedeutet nicht:

Hopfen ist ein Schlafmittel.

Und schon gar nicht:

Hopfen löst deine Probleme.

Es bedeutet vielmehr:

Diese Pflanze gehört traditionell zu jenen Pflanzen, die uns dabei begleiten können, vom Tun ins Lassen zu kommen.

Und genau das finde ich für WellAging interessant.

WellAging bedeutet nicht, immer mehr zu schaffen

Wir leben in einer Zeit, in der uns ständig suggeriert wird, wir müssten noch gesünder, noch fitter, noch leistungsfähiger, noch jünger werden.

Mehr Sport.

Mehr Supplements.

Mehr Optimierung.

Mehr Selbstdisziplin.

Mehr Kontrolle.

Aber vielleicht braucht gesundes Älterwerden manchmal genau das Gegenteil.

Nicht noch mehr.

Sondern weniger.

Weniger Lärm.

Weniger Müssen.

Weniger Festhalten.

Mehr Schlaf.

Mehr Natur.

Mehr Körpergefühl.

Mehr Zeit.

Und vielleicht ein bisschen mehr Vertrauen darin, dass wir nicht alles kontrollieren müssen.

„Hopfen schenkt Demut in der Tiefe“

Dieser Satz meines Lehrers beschäftigt mich bis heute.

Ich glaube nicht, dass wir daraus eine medizinische Wirkung des Hopfens machen sollten.

Aber als Signatur einer Pflanze finde ich ihn wunderschön.

Schau dir den Hopfen einmal an.

Er ist eine Kletterpflanze.

Er wächst nach oben.

Er sucht die Höhe.

Er windet sich an anderen Pflanzen oder Rankhilfen empor.

Und dann entstehen dort oben diese schweren, grünen Zapfen.

Und sie hängen.

Nach unten.

Vielleicht ist genau darin das Bild verborgen.

Wir Menschen wollen häufig nach oben.

Höher.

Weiter.

Schneller.

Erfolgreicher.

Stärker.

Und irgendwann lernen wir vielleicht, dass Entwicklung nicht nur nach oben führt.

Manchmal führt sie nach innen.

Und nach unten.

Zu unseren Wurzeln.

Zu unserem Körper.

Zu dem, was wirklich wichtig ist.

Zu dem Teil von uns, der nicht mehr beweisen muss, dass er etwas wert ist.

Vielleicht ist Demut deshalb nicht das Gegenteil von Stärke.

Vielleicht ist Demut eine Form von Stärke, die nichts mehr beweisen muss.

Demut in der Tiefe.

Ein schönes Bild für eine Pflanze, die nach oben wächst und ihre Zapfen dennoch nach unten trägt.

Die Signaturenlehre – kann eine Pflanze etwas erzählen?

Die alte Signaturenlehre ging davon aus, dass Pflanzen durch ihre Gestalt, Farbe, Form, ihren Standort oder ihre Eigenheiten Hinweise auf ihre Verwendung geben.

Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht ist die Signaturenlehre natürlich keine Methode, um die medizinische Wirkung einer Pflanze zu beweisen.

Aber ich finde, man kann sie auf eine andere Weise wieder interessant machen:

Nicht als Beweis.

Sondern als Sprache der Natur.

Man betrachtet eine Pflanze und fragt:

Was fällt mir an ihr auf?

Welche Eigenschaften zeigt sie?

Welche Geschichte könnte ich darin lesen?

Und was davon berührt vielleicht etwas in mir?

Beim Hopfen könnte diese Betrachtung beispielsweise so aussehen:

Er klettert – vielleicht geht es um Entwicklung und Wachstum.

Er windet sich – vielleicht um Anpassungsfähigkeit und Beweglichkeit.

Er trägt weibliche Zapfen – vielleicht um Reife und Fruchtbarkeit.

Seine Zapfen hängen nach unten – vielleicht um Loslassen und Demut.

Sein Duft ist intensiv, seine Bitterkeit deutlich – vielleicht um die Erkenntnis, dass nicht alles im Leben süß sein muss, um wertvoll zu sein.

Das ist keine medizinische Aussage.

Es ist eine Einladung zum Nachdenken.

Und genau darin sehe ich heute den Wert einer modernen Signaturenlehre.

Hopfen ernten und trocknen

Die Hopfenzapfen werden traditionell im Spätsommer beziehungsweise frühen Herbst gesammelt, wenn sie ausgereift, aber noch grün sind.

Ein gutes Zeichen ist, wenn die Zapfen leicht trocken wirken, sich etwas papierartig anfühlen und beim Zerreiben intensiv aromatisch duften.

Für Tee und andere Zubereitungen solltest du nur eindeutig bestimmten Hopfen verwenden und nur gesunde, unbeschädigte Zapfen sammeln.

Zum Trocknen die Zapfen locker ausbreiten und möglichst schonend an einem luftigen, trockenen und dunklen Ort trocknen.

Sie sollten wirklich vollständig trocken sein, bevor du sie in einem luftdichten Gefäß aufbewahrst.

Hopfentee für die stille Abendzeit

Die einfachste Möglichkeit, Hopfen kennenzulernen, ist ein Tee.

Die EMA nennt für die traditionelle Anwendung bei Schlafunterstützung 500–1000 mg zerkleinerte Hopfenzapfen auf 150–200 ml kochendes Wasser, etwa 30–60 Minuten vor dem Schlafengehen.

Für einen einfachen Hausgebrauch würde ich daraus keine komplizierte Rezeptur machen:

Abendlicher Hopfentee

Du brauchst:

  • ½–1 g getrocknete, zerkleinerte Hopfenzapfen
  • 150–200 ml kochendes Wasser

So geht’s:

Hopfen mit dem kochenden Wasser übergießen und etwa 10 Minuten zugedeckt ziehen lassen. Anschließend abseihen.

Der Geschmack ist deutlich bitter.

Wer ihn milder möchte, kann ihn mit einer passenden Abendpflanze wie Melisse kombinieren.

Und vielleicht ist genau das Interessante daran:

Dieser Tee ist nicht dafür gedacht, dass du danach noch fünf Dinge erledigst.

Er ist eine kleine Einladung:

Der Tag ist vorbei.

Hopfentinktur

Auch eine Tinktur gehört zu den klassischen Zubereitungsformen.

Die EMA beschreibt für Hopfenzapfen unter anderem eine Tinktur im Verhältnis 1:5.

Für einen Hausansatz kannst du getrocknete Hopfenzapfen grob zerkleinern und in ein sauberes Schraubglas geben.

Mit etwa 40–50%igem Alkohol vollständig bedecken.

Das Glas verschließen und etwa vier bis sechs Wochen dunkel stehen lassen. Zwischendurch regelmäßig vorsichtig schütteln.

Anschließend abseihen und den Auszug dunkel und gut verschlossen aufbewahren.

Wichtig: Eine selbst angesetzte Tinktur ist kein standardisiertes Arzneimittel. Alkoholische Auszüge können Inhaltsstoffe in anderer Konzentration enthalten als Tee. Bei Medikamenteneinnahme, Schwangerschaft, Stillzeit oder Unsicherheit sollte die innerliche Anwendung vorher fachlich abgeklärt werden.

Hopfenöl – ein Abendritual für die Haut

Aus getrockneten Hopfenzapfen kannst du auch einen Ölauszug herstellen.

Dabei handelt es sich nicht um ätherisches Hopfenöl, sondern um ein Pflanzenöl, in das die fettlöslichen Bestandteile der Pflanze über längere Zeit ausgezogen werden.

Einfacher Hopfen-Ölauszug

Du brauchst:

  • getrocknete Hopfenzapfen
  • hochwertiges Pflanzenöl, zum Beispiel Jojoba-, Mandel- oder Olivenöl
  • ein sauberes, trockenes Schraubglas

Die Hopfenzapfen grob zerkleinern und das Glas etwa zu einem Drittel füllen.

Mit Öl vollständig bedecken.

Vier bis sechs Wochen an einem dunklen, eher kühlen Ort ziehen lassen und regelmäßig kontrollieren.

Anschließend sehr sorgfältig abfiltern und dunkel lagern.

Das Öl kannst du beispielsweise für eine sanfte Hand-, Fuß- oder Nackenmassage verwenden.

Ich würde daraus allerdings kein „Hormonöl“ oder „Wechseljahresöl“ machen. Hopfen enthält zwar Inhaltsstoffe mit östrogener Aktivität, aber daraus lassen sich keine seriösen Aussagen über eine hormonelle Wirkung eines selbst angesetzten Ölauszugs ableiten.

Und genau diese Zurückhaltung gehört für mich zu einer ehrlichen Naturheilkunde.

Ein Hopfenbad für den Abend

Ein Hopfenbad lässt sich ganz unkompliziert zubereiten.

Hopfen-Aufguss fürs Bad

Eine gute Handvoll getrocknete Hopfenzapfen mit etwa 1–2 Litern heißem Wasser übergießen.

Etwa 15–20 Minuten zugedeckt ziehen lassen.

Abseihen und den Aufguss ins angenehm warme Badewasser geben.

Dann beginnt eigentlich der wichtigste Teil:

Keine Nachrichten.

Kein Scrollen.

Keine To-do-Liste.

Einfach sitzen.

Atmen.

Ankommen.

Das Hopfenbad würde ich nicht als medizinische Behandlung verkaufen. Es ist vielmehr ein traditionelles Kräuterbad und ein bewusstes Abendritual.

Und manchmal ist genau dieses Ritual der Teil, den wir im modernen Leben verloren haben.

Mein kleines Hopfen-Abendritual

Hopfen. Wärme. Stille.

Ein warmes Bad.

Eine Tasse Hopfentee.

Gedämpftes Licht.

Vielleicht ein kleines Hopfenkissen neben dem Kopfkissen.

Und bevor du ins Bett gehst, drei Fragen:

Was darf ich heute loslassen?

Was muss ich nicht mehr kontrollieren?

Was darf bis morgen warten?

Mehr muss ein Ritual manchmal gar nicht können.

Und was hat das alles mit WellAging zu tun?

Für mich sehr viel.

Denn WellAging bedeutet nicht, dem Älterwerden davonzulaufen.

Es bedeutet, immer besser zu lernen, was wir wirklich brauchen.

Mit 20 können wir vielleicht noch eine Nacht durchmachen.

Mit 30 noch irgendwie funktionieren.

Mit 40 merken wir, dass unser Körper deutlicher mit uns spricht.

Und irgendwann verstehen wir:

Er war die ganze Zeit schon da.

Wir haben nur nicht immer zugehört.

Vielleicht ist das eine der schönsten Seiten des Älterwerdens:

Wir müssen nicht mehr alles ausprobieren.

Wir dürfen auswählen.

Wir dürfen langsamer werden.

Wir dürfen Grenzen setzen.

Wir dürfen uns selbst wichtiger nehmen.

Und wir dürfen erkennen, dass Gesundheit nicht nur aus Muskeln, Blutwerten und Ernährung besteht.

Sie hat auch etwas mit unserem Verhältnis zu uns selbst zu tun.

Über mich

Ich bin Martina Sickinger – Heilpraktikerin, Naturtherapeutin und WellAging-Coach.

Seit mehr als 35 Jahren beschäftige ich mich mit Gesundheit, Schönheit, Naturheilkunde und der Frage, was uns Menschen wirklich lebendig hält. Heute verbinde ich dieses Wissen mit meiner eigenen Erfahrung als Frau im besten Alter.

Denn älter zu werden ist für mich kein Problem, das wir bekämpfen müssen. Es ist ein Weg, auf dem wir lernen dürfen, unseren Körper wieder besser zu verstehen, auf unsere Bedürfnisse zu hören und vielleicht manches loszulassen, was uns längst nicht mehr guttut.

Bei AnamCara geht es deshalb nicht um ewige Jugend und schon gar nicht um Perfektion.

Es geht um Wachsen statt welken.

Um Natur, Körperwissen, Selbstfürsorge und die kleinen Dinge, die uns helfen können, gesund, bewusst und lebendig älter zu werden.

Und immer mehr gehört für mich auch die Verbindung zu unserer europäischen Natur, zu alten Pflanzen, Jahreszeiten, Bräuchen und einer Spiritualität dazu, die mit beiden Füßen auf der Erde steht.

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Denn manchmal beginnt ein gesünderes Älterwerden nicht mit einem großen Vorsatz.

Sondern mit einer Pflanze, die wir plötzlich mit anderen Augen betrachten.

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